Stromlos in
Heute, Mittwoch, sind wir nach Haarlingen. Das ist nicht viel, aber immerhin raus aus dem Ijsselmeer. An der Schleuse die Bunker, wie man sie eigentlich von überall an der Nordseeküste kennt. Auch von uns gebaut?
Das Schleusen ging viel schneller, als mein Skipper mir das erklärt hatte, mein Festbinden und halten, während das Wasser sinkt, dauerte ein paar Sekunden. Ich war bereit, stundenlang bis an den Rand meiner Kräfte zu gehen.
Umso imponierender gestaltete sich dann die Einfahrt in den Hafen von Haarlingen, aus dem überraschend ein sehr großes Containerschiff stob und uns eine monsterschnelle monstergroße Fähre schob.
Auch durften wir mit den 15 Metern nicht in den schönen Noordhaven, sondern in den sehr basalen Südhafen, bei dem der Mitarbeiter des Hafenmeisters uns zwar 30 Euro abnahm, aber eine vollkommen falsche Auskunft gab, was den Stromanschluss betraf. Ich bin eine Stunde durch die Stadt geirrt, weil es den angegebenen Automaten nur hinter einer verschlossenen Tür gab, und ich nicht glauben konnte, dass wir nie die Stromkarte bekommen würden, für die wir extra an der Seite eines anderen Schiffes angelegt hatten.
Ohne Stromnachladen fiel das Kochen mit dem Elektroherd auf dem Schiff aus. Es hätte Rigatoni (Gereon) mit selbstgemachter Hackfleisch-Sauce (Skipper) gegeben. Die Pizzeria in diesem Ort mit der Stromfalle war nicht schlecht; die Tortellini Carbonara drängten sich üppig im riesigen Suppenteller und bordeten auch im Geschmack über. Dafür durften wir bei aufkommendem Regen so lange auf die Rechnung warten, bis es schüttete; was wir erst nach dem Trinkgeld fest stellten. Egal. Nass von oben. Morgen geht es um 7 Uhr raus, meint mein Skipper.


Manchmal sollte man einfach sich auf den 20-Jährigen Sohn verlassen, manchmal auch nicht. Nachts hat er mich in den Kinofilm „The Purge 2: Anarchy“ geschleppt, der mich an die guten alten Warriors von Walter Hill und Klapperschlange von John Carpenter erinnerte, nur alles noch abgefahrener, weil das Chaos von der Regierung für eine Nacht gewünscht wird und sogar noch mehr. Da passt Anarchy natürlich irgendwie. Sonst ist es ein klassischer Überlebensreißer, und als solcher gut gemacht. Eine Nacht im Jahr sind die Straßen für unbestrafte Straftaten freigegeben. Und mit Plünderungen hält sich dieser zweite Filrm zu diesem Grundgedanken nicht lange auf: Es geht nur noch um Morden, und eine Gruppe findet zusammen, um nicht zu morden, sondern zu überleben; wobei die Motive des Leaders dieser Gruppe bis zum Ende nicht klar werden. Dafür sind die Dekadenz und die Bosheit der Staatsmacht bald in sehr ekelerregender Form zu sehen. Während ich in der Vorstellung mehrmals gedacht habe: „Was ist das denn?!“ dachte ich nach dem Film um 1 Uhr nachts im noch lebendigen Halle an der Saale: „Nun ja, da macht die Realität doch Mut!“