27 Dez.

Entpuppt

Eine Weihnachtsgeschichte von Marc Vogel

Illustration: Robert Horn

Heiligabend. Werden ist früh morgens unter einem Nebelschleier bedeckt. Leise, beinahe unmerklich rauscht ein trockener, kalter Ostwind durch die Straßen. Schon Wochen zuvor gaben Lichttechniker alles und beleuchteten Gassen und Plätze, was das Zeug hält. Ihre funkelnden Lichterketten gehören zur Adventszeit wie Lebkuchen, Glühwein und „Last Christmas“ in Endlosschleife. Sie tauchen die Fußgängerzonen in warmes Licht und bringen eine weihnachtliche Stimmung in unser Städtchen. Und sind besonders an diesem Tag etwas sehr Schönes.
Aufbrechende Helligkeit belebt die Altstadt. Das Leben nimmt schrittweise seinen Gang. Entlang der Boutiquen, Bäckereien, Friseurläden, Restaurants, Immobiliengeschäfte. Aufsteigender Dampf aus der Kanalisation verstärkt die wundersame Atmosphäre, welche immer zu Weihnachten in der Luft liegt.
Ich beobachte mit glasigen Augen einen Schatten, der sich im Dunst langsam fortbewegt. Auch Langsamkeit ist besonders schön an diesem Tag.
Es weihnachtet, sehr.
Einige Läden öffnen unüberhörbar ihre metallenen Rollgitter. Ihr künstliches Licht lässt den Morgen erstrahlen. Und bieten mir einen seltsamen Anblick von formierten Vitrinen, die mich spiegeln. Mir den unverhüllten Blick auf Menschen offenbaren. Auch jene ohne Bewegungsspielraum. Gebunden an Pflichten.
Tagsüber öffnen sich über ihren Dächern die Wolkenporen. Es regnet in Strömen, talwärts. Auch auf den Geldautomaten gegenüber, bei dem eine ältere Frau etwas verloren steht und Ziffern eintippt. Sie entnimmt ihr Geld. Und wendet sich mir zu. Ich hatte sie nicht bemerkt. Sie bewegt sich langsam. Ich erkenne im Spiegelbild des Schaufensters ihr warmherziges Gesicht. Sie blickt zu mir, starrt mich an.
Dann überquert sie gemächlich die Straße. Betritt ohne zu zögern den Laden. Kommt direkt auf mich zu. Sie hebt mich behutsam aus der Vitrine. Drückt mich liebevoll an sich. „Du brauchst keine Angst zu haben. Meine Enkelin wird sich freuen. Sich durch dich selbst erkennen, ihre Gefühle und Wünsche ausdrücken.“ Sie legt mich umsichtig auf die Ladentheke. Sie bezahlt.
Ich werde als Weihnachtsgeschenk hübsch, kunstvoll verpackt. Ich blicke zurück, nehme still Abschied. Sehe, wie der Regen in Schnee übergeht. Es wird dunkel. Abends werde ich das Licht der Welt erneut erblicken. Meine Wiedergeburt. Wo? Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Bewege mich unmerklich. Versinke in tiefen Schlaf

26 Dez.

Peters Weihnachts-Idee

Eine Weihnachtsgeschichte von Gabi Mett

Peters Arbeit am Adventskalender. Illustration: Robert Horn

Peter ging es richtig gut. Er hatte eine wunderschöne Wohnung passend zugeschnitten auf seine Bedürfnisse: Küche, ein großer Wohnraum mit Esstisch, Schreibsekretär und Fernsehsessel und ein Schlafzimmer. Ein großes Fenster gab den Blick frei auf seine kleine Terrasse mit Blumenkästen, einer großen Wiese und weiteren Wohneinheiten. Er wohnte Parterre, keine Stufen waren zu bewältigen, das Essen konnte er selbst kochen oder im Gemeinschaftssaal zu sich nehmengemeinsam mit den anderen Mitbewohnern.

Er lebte jetzt schon fünf Jahre hier, war nach dem Tod seiner Frau Wilma in die Nähe seines Sohnes gezogen. Das hatte alles seine Schwiegertochter in die Wege geleitet. Sie war da wirklich klasse. Sie hatte sich auch um diese Wohnung gekümmert, mit ihm gemeinsam die Möbel ausgewählt, die er sich für diesen letzten Lebensabschnitt wünschte, Erinnerungsstücke eingepackt, die ihm wichtig waren.

Einfach war es nicht, die Stadt, in der er weit über achtzig Jahre gelebt hatte, zu verlassen. Er war dort zur Schule gegangen, hatte seinen Beruf als Drucker mit Begeisterung ausgeübt. Auch Wilma stammte aus der Gegend. Ihr Sohn Volker war dort zu Schule gegangen. Sie hatten sich einen netten Freundeskreis aufgebaut, Feste wurden gefeiert, Reisen unternommen und nach seiner Pensionierung hatte er sich in vielen Bereichen ehrenamtlich engagiert.

Er war seinem Beruf treugeblieben und hatte sich um eine Zeitung für eine Kirchengemeinde gekümmert. Da war er für das Layout und den Druck zuständig gewesen. In den letzten Jahren war aber nicht nur Wilma gestorben, auch die Freunde verließen nach und nach diese Welt. Und so war er letztendlich mehr alleine als in Gesellschaft. Er merkte selbst, dass ihm das nicht gut tat. Die alltäglichen Arbeiten gingen ihm zunehmend schwerer von der Hand. Das stimmte ihn nicht sehr heiter.

Es war darum ein leichtes, ihn zu einem Umzug zu überreden. Seine Kinder wollten Vatti Bärchen, so wurde er liebvoll genannt, näher bei sich haben. Er hatte kein Problem gehabt, sich in dieser neuen Stadt einzuleben.
Alles war gut geregelt, er hatte sich in dieser Altenwohnung sofort eingelebt, hatte wiederum Aufgaben übernommen, die ihn in Kontakt mit den anderen Bewohnern brachten. Die Stunden auf der Terrasse konnte er wirklich genießen. Von Sohn und Schwiegertochter wurden gemeinsame Reisen geplant. So sah er noch ein bisschen von der Welt, auch im hohen Alter von 94 Jahren.

Bei seinem Sohn war alles gut gelaufen. Er konnte wirklich zufrieden sein. Volker war seinen Weg gegangen, hatte eine Lehre absolviert, worüber er damals als Vater sehr glücklich war. Dann folgte ein Studium der Rechtswissenschaft. Nach Abschluss des Studiums hatte er sich als Rechtsanwalt selbstständig gemacht. Seine Freunde nannten ihn heimlich den Anwalt der Armen.

Da war ganz klar was vom sozialen Engagement des Vaters zu spüren. Das machte Peter manchmal doch ein wenig stolz. Schwiegertochter Renate war selbst ebenfalls beruflich sehr engagiert, kümmerte sich trotzdem liebevoll um Enkel Sven, auch wenn nicht immer alles so einfach unter einen Hut zu bringen war. Die Familie hatte ihn und Wilma regelmäßig besucht.

So hatten sie von Ferne und manchmal auch aus der Nähe die Entwicklung von Sven verfolgen können. Er hatte seinen Weg gefunden, beruflich und privat. Der Familientradition folgend hatte er erst eine Lehre gemacht, um dann auf dem zweiten Bildungsweg Maschinenbau zu studieren. Das Studium hatte etwas länger gedauert als geplant. Nichtsdestotrotz hatte er den Abschluss geschafft und eine interessante Stelle in einem mittelständigen Betrieb brachte ihm ein gutes Auskommen.

Er war sehr viel in Deutschland und auch den Nachbarländern unterwegs. Bettina, seine Frau, war ausgebildete Krankenschwester, hatte aber die ersten Jahre, als sein Urenkel Timo noch klein war, die Familie versorgt. Nun war sie im Krankenhaus erneut in der Pflege tätig. Schichtdienst war angesagt. Timo war mit seinen 13 Jahren ein kleiner Rabauke. Die Schule, er ging aufs Gymnasium, ließ ihn relativ kalt. Er lernte gerade so viel wie er benötigte, um nicht sitzen zu bleiben. Das hatte bisher ganz gut geklappt. Ansonsten war er mit seinen Freunden unterwegs. Das meiste lief über die sozialen Medien, aber da kannte Peter sich als Uropa nicht mehr so mit aus.
Er war zwar bewandert in der Bedienung von Handy und Computer. Man hatte ihm auch erklärt, wie die WhatsApp Gruppe der Familie zu bedienen war, aber er merkte, dass ihn das nicht so richtig begeistern konnte. Na ja, auf jeden Fall bekam er so immer die neuesten Nachrichten mit.

Wenn er so auf seine Lebensjahrzehnte zurückschaute, kamen ihm die Höhen und Tiefen, und davon hatte es nicht wenige gegeben, wie kleine Staubkörner in einem großen Universum vor. Die Erinnerungen schmolzen zusammen und zurück blieben die vielen wunderbaren Augenblicke.
Melancholie schlich sich trotzdem manchmal ein. Es konnte jeden Tag zu Ende gehen, auch wenn er körperlich und geistig noch sehr fit war. Dies wurde ihm immer besonders deutlich, wenn es auf Weihnachten zuging und die Familie in den Mittelpunkt rückte.

Natürlich wurde er immer mitbedacht, aber alle Wünsche zu diesen Tagen unter einen Hut zu bringen, war weiß Gott nicht einfach. Am liebsten wäre er mit Volker und Renate in ihr kleines Ferienhaus in die Niederlande gefahren. Dort war es so schön ruhig. Man konnte die Tage genießen und selbst mit dem Rollator war ein Gang zum Meer immer möglich. Nichtsdestotrotz wollten doch immer alle an einem Weihnachtstag mit Peter zusammen feiern.

Das war schön und anstrengend zugleich. In diesem Jahr würde Sven mit Bettina und Timo allerdings nicht dabei sein. Sie hatten seit langer Zeit eine Reise in die österreichischen Alpen geplant. Es war der erste gemeinsame Urlaub seit langer Zeit. Schade, es war doch immer sehr lustig mit Timo gewesen, auch wenn er den Eindruck hatte, dass sein Urenkel nicht wusste, was er mit diesem alten Mann anfangen sollte. Die Gespräche hatten sich schnell erschöpft, und so blieb oft nur ein gutmütiges zur Kenntnisnehmen. Peter hatte immer sehr großzügig die Familienmitglieder finanziell unterstützt, und zu Weihnachten erhielten alle einen üppigen Briefumschlag für besondere Wünsche.

Das galt natürlich auch für Timo. Diese gefühlte Sprachlosigkeit, die seinen Urenkel betraf, ging ihm allerdings nicht aus dem Kopf. Was könnte er denn da tun? Nun, er hatte genügend Zeit, sich etwas zu überlegen, und so saß er in seinem Lieblingssessel und schaute in den Winterhimmel.
Es sollte etwas ganz besonderes sein, nein, nichts Materielles. Erziehen wollte er ihn auch nicht oder gute Ratschläge geben. Es sollte sehr persönlich sein. Dann dämmerte langsam eine Idee, und sie wurde von Tag zu Tag immer deutlicher.

Peter suchte in seinen Unterlagen nach einem Brief, den Wilma ihm in den ersten verliebten Tagen geschickt hatte. Dieser Brief war nicht nur wunderschön mit Füllfederhalter und blauer Tinte geschrieben. Dieses Blatt Papier wurde so geschickt gefaltet, dass es gleichzeitig ein Briefumschlag war.

Man musste dann nur noch einen kleinen Punkt Kleber anbringen, dann war ein ganz besonderer Brief fertig. Tatsächlich wurde er schnell fündig. Er schaute sich die Faltung genau an und probierte es selbst einmal aus, veränderte die Maße ein wenig und war dann sehr zufrieden.

Es war gar nicht so schwer. Toll! Wie aber nun weiter? Die Adventszeit hatte noch nicht begonnen, er könnte doch 24 dieser feinen Briefe falten und dann… Er nahm Stift und Papier zur Hand und notierte: Schau mal fünf Minuten in den Himmel. Überrasche Deine Eltern mit einem kleinen Gedicht. Hast Du schon mal Uromas Pfannkuchen gebacken? Hier ist das Rezept! Mit wem fühlst Du Dich besonders wohl? Sag ihm das doch einfach mal! Geh spazieren und schau Dich nach den Vögeln um.! Sammle einen Tag gute Nachrichten! Lass Dich mal richtig nass regnen und sing dabei laut vor Dich hin und geh anschließendunter die Dusche! Steh mal so früh auf, dass Du den Sonnenaufgang anschauen kannst… Ja, da kamen ihm doch noch eine ganze Reihe weiterer Ideen. Er notierte alle und wählte dann die interessantesten aus.

Jede Anregung wurde von ihm mit dem Füllfederhalter in schönster Schreibschrift auf altes Briefpapier geschrieben, gefaltet und verschlossen. Die Briefchen lagen nun vor ihm auf seinem Tisch. Er nummerierte sie von 1 bis 24 durch und packte sie in einen weiteren Umschlag. Nun musste er noch eine Anleitung schreiben, und dann konnte die Post auf den Weg gehen. „Dieser Adventskalender ist ein ganz besonderer. Er ist von einem Menschen ausgedacht worden, der Dich sehr mag. Wer dieser Mensch ist, wird an dieser Stelle nicht verraten. Jeden Tag kannst Du einen Brief öffnen. Du findest darin eine kleine Anregung, etwas zu tun, auszuprobieren, zu entwickeln. Dafür brauchst Du nicht viel Zeit. Mach es einfach! Denk nicht lange drüber nach! Wenn Du den letzten Brief geöffnet hast, ist Heiligabend. Nimm Dir eine Stunde Zeit und überlege, was da alles so passiert ist in den vergangen 24 Tagen. Was hat Dir besonders gut gefallen? Wo hattest Du keine Lust zu? War es dann trotzdem interessant? Du findest in diesem Paket noch ein kleines Heft, in das Du Deine Erfahrungen eintragen kannst. Wenn Du immer etwas notiert hast, kannst Du es nach Weihnachten zur Seite legen und vielleicht im nächsten Jahr wieder öffnen. Oder Du kannst es auch in zehn Jahren noch einmal lesen und die Anregungen erneut angehen. Hoffentlich hast Du damit viel Spaß. Wenn es Dich aber gar nicht interessiert, dann verpacke alle Teile wieder in einem neuen Umschlag und gib das Geschenk weiter.“

Peter packte alles zusammen und brachte den Brief zur Poststation im Haus. Er war sehr gespannt und freute sich wie ein kleines Kind über diese Idee. Heiligabend saß er dann mit Volker und Renate beim Abendessen, als sich Sven über Skype meldete. Nach den üblichen Wünschen zu diesem Festtag wurde auch Timo gerufen, um den Großeltern und dem Uropa guten Tag zu sagen. Er nahm Vatti Bärchen fest in den Blick und fragte: „Hast Du schon mal fünf Minuten in den Himmel geschaut? “ Es wurden die unterhaltsamsten Minuten zwischen Peter und seinem Urenkel, die man sich denken konnte.

26 Dez.

Mahnwache für Corona-Opfer

Foto: Odile Baumann

Die Idee stamme nicht von ihm, aber er schließt sich ihr an: Die Idee stamme nicht von ihm, aber er schließt sich ihr an: Jochen Schmidt fordert dazu auf, „der Trauer ein Gesicht zu geben“. Sonntags um 16 Uhr können Kerzen auf den Werdener Markt gestellt werden, um der Corona-Opfer zu gedenken. Dazu müsse man sich nicht zu nahe kommen und auch nicht versammeln, betont Schmidt. Am letzten Sonntag seien es 25 Kerzen gewesen. Er sieht das auch als stille Demonstration gegen die Leugner der Pandemie, die „Querdenker“, sagte er der Heimatzeitung. . Sonntags um 16 Uhr können Kerzen auf den Werdener Markt gestellt werden, um der Corona-Opfer zu gedenken. Dazu müsse man sich nicht zu nahe kommen und auch nicht versammeln, betont Schmidt. Am letzten Sonntag seien es 25 Kerzen gewesen. Er sieht das auch als stille Demonstration gegen die Leugner der Pandemie, die „Querdenker“, sagte er der Heimatzeitung.

25 Dez.

Zusammen online lachen

Ein Lachyoga-Zoom-Meeting bietet Willi Hagemann in Kooperation mit dem Zentrum 60plus an der Heckstraße an. „Sich vor Ort in einer Gruppe zu treffen, ist nicht möglich. Also treffen wir uns digital,“ so Willi Hagemann, langjähriger Lachyogatrainer.
Das Zoom-Meeting „Lebenslang lachen lässt länger lustig leben“ ist am 27. Dezember, 19 bis 19.30 Uhr. Um teilnehmen zu können braucht man einen Computer, Tablet oder Smartphone mit Internetanschluss, Kamera und Mikrofon, sowie die „Zoom“-Software. Ab 18.50 Uhr ist der Zoom-Konferenzraum geöffnet. Zugangsdaten: ID Nr. 9141556903, Kennwort 013360.

25 Dez.

Seelentröster im Fellmantel

Eine Weihnachtsgeschichte von Odile Baumann

Fellpfoten lieben es kuschelig. Illustration: Odile Baumann

Coco lag mit ihrem Hund im Arm auf der Tagesdecke. Weil ‚Mr. Friendly‘- so könnte seine Charakterbeschreibung lauten –  seine Nase an das Kopfkissen drückte, war sein Atem zu hören. „Meinst du, er hat mich lieb?“, fragte Coco ihre Mutter. Denn es war Mutters Bett, auf dem sie lagen. Genauer gesagt auf der „Tagesdecke“, die immer etwas schmuddelig war, weil Hund und Tochter drauf kuschelten, egal wie sandig das Kerlchen war.
Aber die Decke stammte aus England. Und die Engländer wissen, dass da ordentlich Füllwatte rein muss, unter die Baumwolle und die Blümchen obendrauf, damit eines – der Alltag, die Liebe und der Sand – und das andere – die saubere Bettwäsche – schön getrennt voneinander gemeinsam existieren können. Die Decke stammte von Cocos Tante, und die Blümchen waren über die Jahre und Wäschen schon kaum noch zu sehen.

„Ich weiß nicht, wo die ganze Liebe… für ihn, ne, woher – wohin – wovon….?“, dachte Coco laut. Der Hund nieste. „Wo du niest, kommen nur Regenbogen raus“, versicherte Coco ihm. Er antwortete nicht. Sie erwartete keine Antwort. Weder vom Hund noch von der Mutter.
 „Meinst du, dass er ein schönes Hundeleben hat? Ich wünsche nur das beste für ihn.“ Coco küsste den Hund. Dann umarmte sie ihn wieder: „Oh mein Schnaftel!“ Sie küsste ihn auf die Stirn.

„Manchmal glaube ich, dass er gern bei dir bleiben würde, wenn ich nach Hamburg gehe.“ Die Mutter lachte: „Meinst Du wirklich, solche Gedanken passen in sein winziges Hirn? Und ich versuche, mich nicht an ihn zu binden. Denn bald seid ihr beide weg und das fällt mir im Bezug auf Dich schon schwer genug. Und ihn auch.“  „Vielleicht lasse ich ich ihn dir noch ein paar Wochen…“, überlegte Coco. „Nein“, sagte die Mutter bestimmt, „das kommt nicht vor.“

Coco war ungewiss: „Und wenn ich keine Wohnung finde.“ – „Sei unbesorgt, wir finden eine“, meinte die Mutter. „…dann würde ich dich heimlich rein- und rausschmuggeln“, sagte Coco zu ihrem in Fell genähten Freund, und wischte mit ihrem Gesicht durch sein seidiges langes Fell.

Sie schob seinen Po wieder auf das Bett, stand auf, umarmte ihn wieder. „Oh, ich lieb ihn so…Wie heißt diese Liebe auf französisch?“ Die Mutter grinste: „à la folie?“, sagte sie spöttisch. Coco war empört: „Nein, nicht bis zum Wahnsinn….“, behauptete Coco. „Nur bis zur Grenze davor, bis man wahnsinnig wird“. Noch einmal wurde der Hund umarmt. Er ertrug es geduldig, genoss es vielleicht. Blieb jedenfalls.

Als Coco die Treppe in ihr Zimmer hoch ging – in die Etage der Katzen und Kinder –, sah ihr der Hund nach wie ein Soldat, der gezwungen ist, das Tor weiter zu bewachen, während seine Liebste die Burg verlässt und vielleicht seinen Schutz dort „in der Fremde“ bräuchte. Doch der Ruf nach ihm kam nicht, und so rollte er sich zusammen, leckte seine Pfoten und streckte sich aus, um zu schlafen.

Im Schlaf zuckten Pfoten und Brust. Auch die Nase kräuselte sich. Ein schwerer, gleichmäßiger Atem war unterbrochen von leisen Tönen. Wovon mochte er träumen? Er war am Morgen aus dem Spiel ausgebrochen. Eine kleine Runde allein durch den Wald hatte ihm wohl gefehlt. Von seinem kurzen Abenteuer zeugten Dreck-Schlieren auf der Nase und gute Laune, als er nicht wie gewohnt zurückkam, sondern sich von hinten heranschlich, als wäre nichts gewesen.

In seiner Welt konnte er den Duft von Vanille in Fichten riechen und das Harz, mit dem man Fugen verschließt — doch wozu es gut war, davon hatte er keine Ahnung. Dem glücklichen kleinen Kerl war nur wichtig, was er grade erlebte.  Und jetzt gerade waren alle da, die liebte. Sogar die Katze, die er nie sah, nur hörte, roch und gern gefangen hätte, um zu sehen, was man daraus macht.

Unwissend oder nicht: Hunde können auch ohne Kamin eine Stimmung verbreiten, als wäre der Kamin an, wenn sie schlafen. Sie wirken selbst wie einer. So spricht man in Spanien, wenn es kalt ist, vom „Sieben-Hunde-Winter“, weil nur sieben von ihnen warm halten können.

Als Coco nach Hamburg ziehen wollte, um zu studieren, kam ihr vierbeiniger Freund tatsächlich mit. Sie hatte ohnehin nie in eine Wohngemeinschaft ziehen wollen. Es war ganz und gar nicht einfach gewesen, eine Wohnung zu finden. Nah genug bei der Uni. Und eine, in der er geduldet wurde. Wie würde die Zukunft für beide sein?

Noch ein Weihnachten in Werden. Sie stellte sich vor, wie sie bei dem türkischen Laden in Hamburg, der offenbar viel Wert darauf legte, Obst und Gemüse einladend vor seinem Laden aufzubauen, einkaufen würde. Das war neben Schokolade sowieso ihr liebstes Essen.

Im Werdener Supermarkt kaufte sie, was noch für die Feiertage fehlte. Sie belauschte, wie dort ein Vater seiner Tochter erklärte, dass der schräge Spiegel über der Kasse dazu da sei, zu kontrollieren, ob jemand klaut. Doch die Verkäuferin an der Kasse nebenan sagte: „Nein, wir schauen nur, ob die Schuhe für Weihnachten gut geputzt sind. Das ist nicht nur an Nikolaus wichtig.“

Coco grinste, solche Begebenheiten hier mochte sie. „Ich möchte auch mal, dass mir in Hamburg der Briefträger bekannt ist. Und dann will ich auch, dass er zu Weihnachten von mir eine Kleinigkeit bekommt. So wie wir das hier machen.“

Die Wege Werdens waren ihr gut bekannt. Gleich würde sie den dunklen Tannenberg hochgehen und wie immer keine Angst haben. Ob ihr das in Hamburg auch gelingen würde? Sie dachte daran, dass ihr Freund auf vier Pfoten ein ziemlich beachtliches Gebiss hatte. Das beruhigte.
Und jemand, dem es wichtig war, und dass sie vielleicht weiter in Begleitung gehen würde – nun, das hatte sich kurz vor dem Fest ebenfalls angebahnt. Sie suchte nach einem, der sie wertschätzte. Einige seiner Bemerkungen hatten gezeigt, dass er das wollte. Den interessierte, wie sie sich kleidete, und dass sie Wert darauf und auf ihren Körper legte. Den es interessierte, ob sie hungrig war, Spaß haben wollte oder einfach gemütlich sein. Der eine Meinung hat, die interessant ist und ihrer folgt. „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat“, hatte ein Freund ihrer Mutter neulich gesagt; sie hatte gelacht.

Doch, ja es fühlte sich gut an und auch unsicher und peinlich. Und – Moment, da kam eine WhatsApp von ihm! Immer dieses Gefühl, ob er sie nicht vielleicht doch unvermittelt doof findet und vielleicht – oh Schreck –mitbekommt, dass sie und ihre Freundinnen auf nichts anderes warteten als ein Happy End.

Aber was, wenn nicht? Wenn es nicht klappte! Wenn es so schnell vorbei sein würde, wie es begann! Sie wagte es sich nicht vorzustellen. Ein Reinfall aus höchstem Hoffen.

Doch es ging auch anders: Der Rottweiler ihrer Tante fiel ihr ein. Dem würde nie einfallen, irgendwas anderes toll zu finden als ihre Tante. Sie war sich nicht sicher, ob sie so einen als Freund wollte, den sie als dumm wie Brot einstufte. Lieber wollte sie einen, der Spaß an Schneeengeln im Schnee hat. Und der, der so lange mit einem irgendwas unternimmt, bis man hungrig und müde ist. Oder der Artenvielfalt der Innenstadt mal ein paar Bemerkungen zollt. Der wissen will, an was man arbeitet, und die Möglichkeiten sieht, die es gibt. Ein kluger Freund – ebenso wie ein ihr Hund ein kluger Hund ist, der drei Türen öffnen konnte, die geschlossen waren.

Obwohl sie den Hund auch dafür mochte, dass seine Ohren sich wie Eierschalen um seinen Kopf legten, und er wie ein Ei aussah, wenn er sich für etwas interessierte. Man kann wirklich nicht sagen, was Liebe wirklich ausmacht.

Sie packte ihre Papiertüte und machte sich auf die dunkle Abkürzung nach Hause. Es gab gut beleuchtete Wege, aber sie waren länger zu laufen. Aber kurz und dunkel – das schien verlockender. Sie ließ den beleuchteten Parkplatz hinter sich. Autos schickten ihre eiligen Lichtergrüße an ihr vorbei. Schon begannen die Henkel der Papiertüte in ihre Hand zu schneiden. Zwei Tüten hatte sie sich gönnen wollen. Die ausgetretene Rundtreppe hoch, und dann die paar Windungen nach Hause – so war der Plan.

Welche Überraschung: Dort, in der Mitte, wartete ihre Mutter mit ihrem Hund auf sie. „Wir waren gerade die Runde und dachten, wir holen dich ab.“ Die unbändige Freude, die der Hund ausstrahlte, sie nach diesem Abenteuer, das gewaltig gewesen sein musste (einen Einkauf ohne ihn), wieder zu sehen, rührte sie immer. Alles an ihm wedelte, nicht nur der Schwanz. Er musste sich vergewissern, dass sie lebend, am Stück und unversehrt war, bevor er sich beruhigen konnte. Dann wandte er sich wieder seinen Schnupper-Erkenntnissen zu, die offenbar extrem fesselnd waren.

„Weihnachten mag ich lieber als Ostern“, sagte Coco. Die Mutter lächelte: „Und was wünscht du dir besonders?“ Coco antwortete: „Schnee – mehr als alles andere!“ Das weckte Erinnerungen: „Echt, naja, den hatten wir früher zu Genüge. Neun Monate Winter, einen Monat kalt und zwei Monate Sommer. Ich weiß noch, dass meine Mutter meine Schwester und mich nach dem dritten Mal, als wir voller Schneeklumpen und nass nach Hause kamen, ins Bad schickte, und wütend sagte, wir sollen die Sachen trocknen – und nicht eher wieder rauskommen. Auf die Idee, sie zu föhnen, kam meine praktische Schwester.“

Die Mutter stöhnte: „Wenn Du Schnee bis zur Hüfte hast und keine Pistenwalze, dann ist Skifahren nur auf den abschüssigen Straßen möglich. Oder im Tiefschnee, wo du immer stecken bleibst – und dann schön zu Fuß den Berg wieder hochläufst. Dann ist dir allerdings schön warm. Beim Rodeln ist das genauso. Wir haben versucht, unseren Dackel dazu zu bringen, den Schlitten bergauf zu ziehen, aber er blieb einfach stehen, egal, wie wir ihn lockten. Wir haben etwa hundert Iglus nicht fertig bekommen, außer den Grundmauern. Die haben wir aus in Putzeimern gestopften Bau-Schnee-Elementen gebaut, aber nie rausgekriegt, wie das mit der Kuppel geht. Wir haben Schneeball-Schlachten gemacht, die den Namen verdienen: Die Munition wurde vorgeformt, und dann gab es eine echte Schlacht. Wer sich nicht gut ducken und dabei werfen konnte, war verloren. Der Bauer, der um fünf seine Milch an die Straße mit dem Traktor fuhr, erlaubte uns, die Schlitten an seinem Traktor fest zu machen. Dass war das Beste am ganzen Tag: einmal bergauf gezogen werden.“

Coco schüttelte den Kopf, wie immer, wenn die Mutter erzählte, wie das Landleben auf 900 Metern Höhe so gewesen war.

„Was magst du an Weihnachten am liebsten?“, fragte sie zurück. „Das Licht“, antwortete die Mutter sofort. „Echt jetzt?“, fragte Coco, die Licht gewöhnt war. Die Mutter lachte: „Na ja, es ist so: Männer, kaufen Taschenlampen, bringen Scheinwerfer an, wenn sie was sehen wollen. Aber wenn du mal im Halbdunkeln vom Schlittschuhlaufen kommst, komplett durchgefroren auf dem wuppeligen Nicht-Kunst-Eis und Krähen kreisen im diffusen Himmel. Deine Hände sind eiskalt… und du liegst im Schnee… dann lernst du warmes Licht zu schätzen. Ich mag das Licht, das aus Häusern scheint, das von einem Lagerfeuer, einem Adventskranz ausstrahlt, wenn dazu vorgelesen, und gesungen wird und eine Kleinigkeit aus dem Adventskalender abfällt. Ich mag es, wenn es warmes Licht ist. Wie das, wenn Du die Haustüre öffnest, und jemand ist schon drin – oder du hast es dir einfach selbst angelassen.“

Warmes Licht aus Fenstern wärmt auch die Augen derer, die daran vorbeigehen. Foto: Renate Scholl

Coco hätte jetzt lieber den Hund an der geflochtenen Leine gehabt als die Einkaufstasche in der Hand. Aber genau deshalb fragte sie, um sich abzulenken: „Und was war das schönste Licht, dass du je gesehen hast?“ Die Mutter schüttelte den Kopf: „Das kann ich nicht sagen: Ich mochte das Licht in der Krippe, einer, die wir mit meinem Vater aus einer Wurzel gebaut haben. Überhaupt das Licht in meinem Elternhaus. Ich mochte die Verabredung mit einem Freund, dass wir bei der zweitletzten Kerze am Baum aneinander denken. Und unser Weihnachtsbaum war riesig, da musste man schon warten. Und ich mag das Licht, das ich in unserem Haus geplant habe.
Das hellste Licht, das ich je sah, war bei keinem Feuerwerk. Es war, als wäre da nur das Licht und ich – als ich einmal dachte, ich würde lebendig verbrennen. In der Realität sah alles für mich danach aus: Kein Ausweg, alles dumpf und Flammen. Und dann war ein anderes Licht, das war stark, wärmend, beruhigend und bereit, mich aufzunehmen. Wenn du das erlebt hast, hast du keine Angst mehr vor dem Tod, was dich betrifft. Aber immer noch das Gefühl, dass andere, die dich lieben, dich vielleicht nicht so leicht aus ihren Gedanken, Herzen und ihrer Trauer lassen. Weil sie dieses Licht nicht abbekommen. Das ist der Teil an Weihnachten, der irgendwie schade ist. Aber vielleicht der Grund, warum es neben Licht eben auch die Fantasie und Freiheit der Gedanken gibt. Wenn man sie nutzt. Und deshalb mag ich den Gedanken an Ostern vielleicht doch lieber, obwohl ich dir Recht gebe, dass Weihnachten seinen eigenen Zauber hat.“

Coco war nun doch erstaunt: „Wieso, Ostern feiern wir doch nie so ausgedehnt?“. Die Mutter lächelte wieder: „Na ja, aber wir verstecken immer noch süße Sachen für euch, die ihr finden müsst, oder?“ Coco sah sie an, als sei sie verrückt. Ihr Blick sagte: „Damit sollte Ostern mit Weihnachten konkurrieren können – mit ein paar Eiern und einem kleinen Geschenk?“ Wo war die lange Zeit der Steigerung, der Planung, der Vorbereitung, der Innigkeit, der Absprachen, das Sich-Fragens – eben alles, was an Weihnachten Spaß macht? 

Die Mutter sah auf den Weg, als sie antwortete: „Wir verstecken Dinge, die ihr finden sollt. Ein kleiner Hinweis, dass Suchen sich lohnt. Irgendwann aber wird alles sein wie der Frühling: anders, neu, voll Leben, im Fluss, leicht. Genau da soll es doch es doch hin, das Leben: auf der einen wie der anderen Seite. Da bin ich mir gewiss. Es kann und soll so sein, weil uns genau das von der Natur vorgelebt wird.“

Nun waren sie über die Treppen zwischen Dingerkusweg, Graf-Lückner-Höhe und der Hildegrimstraße fast zuhause.
„Irgendwelche Wünsche fürs Abendessen?“, fragte die Mutter. „Na ja, keine ‘Lichtsuppe’, wenn’s geht. Und ohne Frühlingszwiebeln“, antwortete Coco spöttisch. „Ist gut“, sagte die Mutter. Und das Licht im Eingang war wohltuend und viel zu hell. Und der Hund schüttelte sich: Mission erfüllt, die Menschen nach Hause gebracht. Lass sie doch reden, es gibt eindeutig Wichtigeres.